szmmctag

  • Waking Up Elli (oder: Wieder nicht gelernt.)

    Gerade bin ich in so einer Vertrauens-Phase. Es ist so angenehm; es tut so gut, sich einen Moment lang keiner Ängste oder Zweifel bewusst zu sein.

    Hunger.

    Ich werde diese Klausur nicht in dreitausend Jahren bestehen; ich habe es immer noch nicht geschafft zu lernen, und ins Tutorium bin ich auch nicht gegangen, weil ich den riesigen Fehler gemacht habe, mich eine Stunde vorher zum Schlafen hinzulegen. Forget it; ich war erst gegen 18 Uhr zumindest halbwegs wieder zurück unter den Lebenden.

    Ich muss ein containertarisches Kochbuch schreiben, ich seh's doch klar und deutlich.

    Tue ich das doch einfach.

    Nein, warte, ich kann jetzt nicht angangen, ein containertarisches Kochbuch zu schreiben, wenn ich Dienstag Klausur habe und noch kein Wort dafür gelernt habe, verdammt.

    Ich war heute bei Elli und werde morgen und übermorgen wieder da sein. Letztendlich liebe ich es wirklich sehr, Elli Nachhilfe zu geben. Vor allem deshalb, weil sie der eine, einzige Mensch in meinem gesamten Umfeld ist, der alles, was ich sage, so hungrig aufsaugt, als wäre sie zeit ihres Lebens noch nicht mit der Art Wissen, die ich ihr vermittele, in Kontakt gekommen. Es ist vermutlich auch genau so, und während mich das einerseits zutiefst schockiert, sehe ich andererseits natürlich das enorme Ausmaß meiner Möglichkeiten und Verantwortung. Ich kann diesem Menschen zu einer völlig neuen Sicht auf die Dinge verhelfen. Wenn ich es ganz geschickt anstelle (und ich hoffe, ich bin dabei), schafft sie es irgendwann, ihren Horizont von allein zu erweitern. Ich muss nur den Stein ins Rollen bringen. Und dabei hilft mir noch Trudi, was unheimlich praktisch ist, weil sich unsere Einstellungen zu gewissen Dingen eben doch ziemlich decken und es Elli ganz sicher guttut, diese vollkommen neuen Informationen von zwei verschiedenen Quellen zu bekommen. Man entwickelt dadurch doch automatisch noch mehr Vertrauen.

    Also werde ich ihr jetzt, nachdem sie mich vorhin ausdrück- und eindringlich darum gebeten hat, erstmal ein-zwei Dokus zur Massentierhaltung zukommenlassen und mich nebenbei bei Ryk über das genaue Wie-wo-wann seiner Rede auf dem CDS erkundigen. Sie klang ernsthaft interessiert. Sie ist ein guter Mensch; sie muss einfach nur aufwachen. Ich glaube, ich schaffe das.

    Ich sollte es ausnutzen, dass Ryk sich momentan vermutlich noch auf der Solid-Sitzung befindet, und einfach lernen.

    Ich tue es ja doch nicht. Es wird immer schlimmer.

  • Too many plan(t)s, too little time.

    So. In zwei Stunden bin ich auf dem Weg in die Uni. Heute gehe ich zum Neuro-Tutorium; ich schaff' das, ich mache es wirklich. Jawoll.

    Ryk ist in seiner Wohnung und redet mit seinem Kollegen aus der Flüchtlingshilfe, nachdem er letzten Freitag keinen Nerv auf TeKo hatte. Wir hatten Donnerstag Abend gegrillt und es wurde etwas später (wunderbarer Abend, auch wenn von meinen Eingeladenen außer Rini niemand auftauchte - das hat vollkommen gereicht; mit ihr und Basti zusammen hatte ich eine wundervolle Zeit und es hätte noch besser gar nicht werden können).

    Ich freue mich auf Freitag, da macht Ryk Lasagne bei sich zu Hause und ich lerne tatsächlich mal die Wohnung kennen. Dann gehe ich einfach nachmittags schon hin und gewöhne mich ein bisschen ein. Eigentlich sollte ich jede Minute mit Neuro verbringen. Aber vorhin wurde ich auch noch von einer Foodsharingbekannten zu ihrem Geburtstag am Wochenende eingeladen und ich muss hin; Manu ist so ine unglaublich Liebe. Plus, sie war auf meiner und Trudis Einweihungsfeier und hat mein Olivenbrot in den allerhöchsten Tönen gelobt. Noch Wochen später! Ich fühle mich ihr verpflichtet.

    Das Wetter ist umwerfend. Im wahrsten Sinne. Wenn das meinen Tomaten und den kleinen Melonenpflanzen mal nicht gefällt. Basilikum pikiert habe ich auch gestern Abend. Es ist noch so viel mehr zum Pikieren da, aber mir gehen die Töpfe aus. Ich freue mich so arg auf das ganze Basikilum. Und die Melonen. Wie gespannt ich einfach bin, ob irgendeine der Pflänzchen es schafft, dieses Jahr noch eine Frucht zu produzieren. Und dann sind hier die ganzen Paprikakeimlinge, der Ingwer, die Süßkartoffel und der Senf. Und die random Sprosse, bei der ich nicht weiß, was rauskommt.

    Nach der Uni muss ich zu Elli. Nach Elli muss ich zur Wegwarte. Und nach der Wegwarte gehe ich Billard spielen, weil Ryk es nunmal so sehr liebt und ich das Gefühl habe, ihm auch mal wieder in irgendwas entgegenkommen zu müssen. Also wird Geld ausgegeben und Bier getrunken und Billard gespielt. Vielleicht kommen ja Trudi und Basti mit, das wär' doch schön. Ich frag sie gleich mal.

    Edit: Wie's aussieht, hab' ich zumindest bis 22 Uhr Zeit, mein Gewissen zufriedenzustellen und ein bisschen was zu lernen; Ryk rief grad an und verkündete seine heutige Teilnahme an so einer Flüchtlingsdingsveranstaltung, bei der er was verteilen wird (dass er Flyerverteilungsspezialist ist, ist ja schon ohne Schwierigkeiten von der Tatsache abzuleiten, dass wir uns kennenlernten, indem er mir einen davon in die Hand drückte. Gegen TTIP, man erinnere sich), sodass ich jetzt froh bin, dass Basti morgen Spätschicht hat, sonst hätte er bestimmt keine Lust mehr gehabt mitzukommen um die Uhrzeit.

  • Wie eine Wand vor dem Abgrund.

    "Wenn ich eins gelernt habe", sagte Ryk vorhin, "dann, dass ich ohne mein Aspi nirgendwo hingehe."

    Und: "Weißt du, dass du eine unglaubliche Ausstrahlung hast?"

    Und: "Ich kann nur aus meiner Sichtweise sprechen, aber die Typen, die dich sitzen lassen haben.. die haben zum Glück einen riesigen Fehler gemacht."

    Ich bin immer wieder am Verzweifeln, weil ich mich nicht fallen lassen kann. Unentwegt eigentlich. Bis auf so ein ganz paar traumhafte Momente, in denen ich das Gefühl habe, es doch zu können. Aber Scheiße, man, sie sind so spärlich.

    Das vorhin war jedenfalls keiner von ihnen. Ich schaute ihn an, vermutlich mit dem für solche Situationen typischen Gesichtsausdruck irgendwo zwischen totaler Rührung und schlichter Artikulationsunfähigkeit und dem Wunsch, mich selbst zu zerhackstückeln allein dafür, dass ich nicht umhinkonnte zu denken, "das denkst du jetzt", wie immer.

    Vorgestern Nacht hat sich eine Neuheit ereignet. Ich habe Şahin ignoriert, der die ganze Zeit mit mir reden wollte. Der Traum war irre lang und ich bin recht ungläubig aufgewacht: ich kenne das nur andersherum. Oder wir ignorieren uns gegenseitig. Aber so weit ich mich zurückerinnere, habe ich ihn nie ignoriert, wenn er reden wollte. Es waren auch Laura und JO dabei, mit denen wir in irgendeinem fremden Raum waren, wo wir alle übernachtet hatten. JO hat ihren halben Kram vergessen einzupacken, und ich war am Ende als Letzte noch beim Packen, weil ich mich um ihr ganzes Zeug auch noch gekümmert habe. Aber entscheidend ist immer noch, dass ich Şahin ignoriert habe. Natürlich wollte ich nicht, nicht in Ansätzen. Andererseits war ich fest entschlossen, ihn erst durchkommen zu lassen, wenn von seiner Seite eine Einstellung ersichtlich gewesen wäre, die dies für mich lohnend und sinnvoll hätte erscheinen lassen. Darauf konnte ich aber lange warten; er hatte sich kein Stück verändert. Was das Ignorieren einerseits erst so enorm schwierig machte, andererseits aber davon zeugte, dass ich auf dem richtigen Weg war. Und ich habe es bis zum Ende durchgehalten. Einmal Schulterklopfen.

  • Traumleben und ein schlechtes Gewissen

    Ich bin immer noch krank, aber langsam geht es wieder. Zumindest gut genug, dass ich heute in die Uni konnte und eine Stunde lang sinnlos mit dem Fahrrad durch die brütende Hitze gefahren bin (andere Geschichte). Ich sollte Neuro lernen, stattdessen recherchiere ich Basilikum. Ich liebe Basilikum. Hätte ich nicht schon so viel (meine Samen keimen prächtigst!), müsste ich mir dringend Saatgut der Sorte African Blue bestellen, welche man der Legende nach sogar überwintern können soll. Außerden - es wächst in Strauchform! Ich liebe Kräuter in Strauchform; sie sind so robust und abundant.

    So heiß ist es, dass sogar ich mich drinnen aufhalte. Eigentlich ja, um Neuro zu lernen (ich erwähnte), aber dann musste ich ja wie gesagt das Basilikum recherchieren und habe nebenbei Ryk bei Facebook geschrieben, ob man ihm irgendwie beim Einräumen seiner neuen Wohnung helfen kann (die ich immer noch nicht zu Gesicht bekommen habe, und dabei hat er den Mietvertrag letzten Donnerstag schon unterschrieben - zugegebenermaßen tue ich aber auch nicht sehr viel dafür, dass sich das ändert, denn die Strecke zwischen meiner Wohnung und seiner ist mir bei den Temperaturen zu lang und zu bergig, um sie mir ohne triftigen Grund anzutun). Er meinte, er wäre soweit fertig, würde noch kurz ein Sixpack holen und in einer halben Stunde bei mir aufschlagen. So viel zu Neuro. Das ist schon die zweite Klausurenphase, in der mir seine Anwesenheit einen Strich durch die ohnehin schon nicht sehr motiviert angelegte Rechnung macht. Leider zog sie sich dieses Mal auch durch das gesamte bisherige Semester, sodass meine Chancen verschwindend gering stehen, noch einmal so unverdient glimpflich davonzukommen wie letztes Mal. Wirklich, ich fühle mich nicht mehr, als würde ich überhaupt studieren. Ich treibe mich einen Tag in der Woche ein paar Stunden land an der Uni rum, ja, sicher, aber die restliche Zeit meines Lebens verbringe ich damit, zu arbeiten oder (häufiger) meinen Haushalt und meinen Garten zu einem Grad zu betütteln, den keiner von beiden eigentlich nötig hätte, und mit den wunderbaren Menschen, die bei mir ständig ein- und ausgehen. Außerdem rette ich Essen, verarbeite und verzehre es und informiere mich nebenbei beständig nach natürlichen Alternativen für bisher verwendete Haushalts- und Pflegeprodukte. So ein Dasein könnte ich mein Leben lang führen. Wenn ich könnte. Oh, wenn ich nur könnte.

    Ich muss jetzt Neuro lernen, sonst bestehe ich die verdammte Klausur nicht.

  • No, I'm not there.

    Eigentlich schon, und eigentlich sollte ich auch gefälligst, aber nein, ich antworte nichts und niemandem (außer vielleicht Laura, Ryk (der allerdings bis heute Mittag hier war und sich in Anbetracht seiner morgigen Rückkehr - permanent, wohlgemerkt, Mietvertrag wurde am Donnerstag unterzeichnet - wohl eh heute nicht mehr meldet) oder Caro, aber das war's dann auch schon), ich lese keine Nachrichten, ich ignoriere Anschriebe, ich bin dazu grad nicht in der Lage.

    Also warte ich, bis Basti nach Hause kommt, oder vielmehr hierherkommt (was natürlich immer noch problemlos als Synonyme durchgehen könnte, aber er hat schon Recht, er ist wirklich weitaus weniger hier in letzter Zeit als am Anfang. Was ich nicht so sehr als Erlösung betrachte, wie es vermutlich der Rest der Welt an meiner Stelle täte, aber es ist auf der anderen Seite gar nicht so schlecht, weil sich dadurch ab und an ein paar Minuten für mich allein in mein zuvor so vollkommen vergesellschaftetes Leben einschleichen, so wie jetzt zum Beispiel). Wenn alles gut geht, hat er wieder Essen von der Arbeit gerettet, was wiederum meine Rettung wäre, da 1) das Essen, das er rettet, ausnahmslos immer köstlich ist, und 2) ich verschnupft des Todes bin (seit Freitag bereits) und mir gar nicht danach ist, noch was zu kochen. Eben war ich bei Elli und habe ihr zweieinhalb Stunden Nachhilfe gegeben (unsere übliche Zeit; manchmal ist es weniger, aber meistens beläuft es sich auf die zweieinhalb und damit immerhin, wenn auch gnadenlos unterbezahlt, 25 Euro). Die Gute hat es nicht so mit der Empathie und ist offenbar zum Glück auch nicht paranoid, sofort angesteckt zu werden, also war es ihr egal, dass ich die Hälfte der Zeit mein Gesicht in einem Tempo vergraben hatte. Gegen Ende wurde es besser; meine Augen haben aufgehört zu tränen und ich konnte wieder halbwegs normal mit ihr interagieren.

    Zu Hause angekommen, habe ich erstmal unserem neuen Putzplan gemäß das Bad und den Flur gemacht (theoretisch hätte ich die vergangene Woche lang Zeit gehabt, das zu erledigen, also beschloss ich, es einfach schnell hinter mich zu bringen und Trudi nicht um Erlaubnis zu bitten, es morgen erst zu machen). Jetzt ist die gesamte Wohnung sauberer als mein Zimmer. Natürlich; Ryk war fünf Tage lang hier, und ich weiß nicht, wie er es anstellt, aber er verwandelt diesen Raum jedes Mal in eine Chaoshöhle. Krümel jeglicher Art - Tabak, Dreck, Flusen. Klamotten überall. Alter. War ich auch mal so, und wenn ja, wie haben es meine Eltern achtzehn Jahre lang mit mir in einem Haushalt überlebt? Auf alle Fälle sollte ich langsam lernen, meine Riesenstaubsaugaktion nicht gerade auf den Tag zu legen, an dem er herkommt. Oh, warte, er hat jetzt eine Wohnung hier, in der seine Sachen demnächst landen. Er zieht zurück in die Stadt. Morgen. Wenn alles gut geht. Es sind bei ihm einige Dinge dabei, sich zum Guten zu wenden.

    Jetzt killt mich mein Kopf.

    Jetzt recherchiere ich Bokashi-Eimer.

    Leben.

  • Paniklos at work, wheeey.

    Uni und Arbeit heute unfassbar gut überstanden. Dadurch, dass ich schnell arbeite, kann ich mir zwischendurch immer ein bisschen Facebook erlauben. Das hat sehr geholfen. Kepa ist mit seiner gesamten juristischen Ausbildung jetzt fertig und macht sich innerhalb der nächsten Tage auf in Richtung Euskadi. Bis zum ersten Juli hat er Zeit und will bis dahin eine halbe Weltreise unternehmen. Direkt fahren wäre ja öde. Und das Autoli (welches schon bessere Tage gesehen hat) wird nach der großen Reise dann wohl verschrottet.

    Ronny hat mir geschrieben. Wohl der dümmste Mensch, mit dem ich freiwillig bei Facebook befreundet bin. Ich mochte ihn nie sonderlich, aber rechne ihm trotzdem an, dass er einer der Wenigen war, die im CRLP damals überhaupt mit mir geredet haben. Ich hatte wirklich nicht viel Auswahl.

    Jetzt holt mich die Müdigkeit ein, rapide at that. Es ist wirklich erstaunlich, wie gut ich heute Früh aus dem Bett kam. Ich bin mitten in der Nacht unter dem strömendsten Regen ever von Basti nach Hause gefahren; ich hatte mit ihm zusammen gegessen und Monopoly gespielt, während Ryk anderweitig beschäftigt war. Der kam dafür dann um halb vier morgens an und klopfte an mein Fenster, weil er nicht in der Lage gewesen war zu bemerken, dass ich ihm vorne an der Haustür den Schlüssel rausgelegt hatte. Also aufstehen und aufwachen. Er fiel ins Bett und war weg; ich lag ewig und drei Tage herum und konnte nicht mehr einschlafen. Optimal gelaufen. Dafür half mir seine noch immer anhaltende Komatosität vier Stunden später beim Aufstehen. Um meine Disziplin ist es nicht sonderlich gut bestellt (oh welch eine Feststellung, denkst du dir jetzt), und es fällt mir wesentlich leichter, aus dem Bett zu kommen, wenn anstelle eines Lebendkuscheltieres eine reglose Katerleiche da liegt.

    In der Uni war ich heute insofern ungemein und ungewohnt erfolgreich, als ich gefühlt zum allerersten Mal in meiner nunmehr bald achtsemestrigen Laufbahn etwas wirklich Nützliches zu einer Vorlesung beigetragen habe (Vorlesung, wohlgemerkt, kein Seminar, nein, eine Vorlesung), was umso erstaunlicher ist, wenn man bedenkt, dass es Neurolinguistik war und ich nicht den leisesten Schimmer habe, was der Mensch von uns eigentlich will, aber aus irgendeinem Grund beschloss mein Leben, dass heute der Tag gekommen war, an dem ich mich in einer Vorlesung zu Wort melde und sage: "Ich habe mir überlegt, dass man Nullderivate untersuchen könnte. Dann fällt dieser Unterschied in der Wortlänge und so weiter schonmal weg."

    Alter, wie er reagiert hat. "Nullderivate, ja, das ist clever. Damit kann man ordentlich was machen, das seh' ich." Und dann in die Runde: "Was Nullderivate sind, wissen alle? Ja? Ja? Nein? Ja... Ja. Hat noch jemand was? Okay, ich würde auch sagen, wir bleiben bei den Nullderivaten."

    Oh. Mein. Gowai. Das erste Mal in meinem Leben habe ich mit Fachterminologie kommuniziert und den Verdacht erweckt, irgendjemand unter den Kommilitonen könnte eventuell nicht wissen, was damit gemeint ist. Ja, sicher, Neuro ist ein Seminar aus einem niedrigen Modul, das für gewöhnlich von Zweit- bis Viertsemestlern besucht wird, aber hey, ich bitte um galantes Ignorieren dieser Tatsache. Irgendwo muss man doch anfangen. Vor allem bleibt zu bedenken, dass ich die ersten sieben Semester eher gestorben wäre, als in einer Vorlesung in einem Hörsaal aus freiem Willen meinen Senf dazuzugeben. Das habe ich heute gefeiert und fand Neuro für den Rest der VL gleich viel erträglicher.

    Arbeit, wie gesagt, lief sehr gut. Paniklos heute. Keine Ahnung, wieso nun genau, aber mir ging's besser als sonst. Zwischendrin habe ich noch versucht, für Laura bei dem Therapeuten anzurufen - ich habe mir extra von Ryk nochmal ihren Terminplan durchgeben lassen, den ich mir zu Hause auf einem Zettel notiert hatte, nur um festzustellen, dass der Mensch bis zum 3. Juli nicht zu erreichen ist. Dafür habe ich den neuen Auftrag bekommen, morgen mit seiner Vertretung zu reden. Ich bin's ihr schuldig, immerhin habe ich jetzt einen Termin zum EKG und Routinelabor. Bei welchem Arzt, muss ich zwar noch herausfinden, da ich versäumt hatte, Laura zu erklären, dass sie den Termin bei meiner Hausärztin machen sollte, aber das wird schon. Sprechstundenhilfe wird es mir schon sagen. Oh je.

    Nach der Arbeit habe ich mit Basti hier zu Hause gehangen, beim Pilzehäuten Ugly Americans geguckt und danach bei einer Folge Fringe ein paar Brötchen und Chips gegessen. Herrliches Leben. Ryk ist wahrscheinlich gerade erst mit der Arbeit fertig und trifft sich jetzt erstmal noch mit einem Kumpel, den es von Suizidgedanken abzuhalten gilt. So leid es mir tut, ich schlaf' jetzt. Ich falle langsam, aber sicher zusammen. Man darf auch nicht die Anstrengung unterschätzen, die das Containern von unseren Grillzutaten für Donnerstag dargestellt hat; etliche Kilo Gemüse durch die Gegend zu karren und wieder zurück (wenn der Spot nunmal auf dem Weg zur Arbeit liegt..) schlaucht irgendwie.

    Ade.

  • Genugsein. Eine Utopie.

    Nachdem ich heute festgestellt habe, dass ich zu benebelt für die Welt war.. nimm dir als Erklärung dazu lieber das hier. Eine gegen Ende wirklich beeindruckende Dokumentation einer zu wenig dokumentierten Welt, der zwischen Wachsein und Schlafen nämlich, ich habe noch genau eine ähnliche Aufnahme aus Vitoria, aber diese hier ist eigentlich, was das angeht, unparalleled.

    Ich konnte mich im Übrigen auch erst wieder daran erinnern, die Aufnahme überhaupt angefertigt zu haben, als ich das AG heute Früh bei mir im Bett liegen sah. Es hingen noch vier Stunden Schlaf dran, welche ich dir hier erspare.

    Mir ging's noch nicht wieder richtig gut, als ich aufwachte heute Morgen. Um ein Haar hätte ich meine Laune als Ausrede benutzt, mich einfach ganz wieder hinzuhauen heute an meinem komplett freien Tag. Zum Glück habe ich mir selbst entgegengewirkt und war lieber im Garten produktiv, bevor mich dann doch die Lethargie wieder packte und ich mich zurück ins Bett begab. Zu viel Vortex gezockt heute, eindeutig zu viel. Ich fühle mich unerfüllt.

    Ryk kommt Montag Früh schon. Meine Begeisterung darüber wird in erster Linie von dem Wissen getrübt, dass er Montag und Dienstag vier WG-Besichtigungen vor sich hat und sich das frühere Aufschlagen vor allem darin begründet, sowie von seiner grenzenlosen Egozentriertheit, mit der er es tatsächlich schafft, nicht zu begreifen, dass man betrunkenes Aspi bitte nicht mit Poly-Bemerkungen behelligt. Beziehungsweise von dem entsetzlichen Gefühl, das das schon wieder ausgelöst hat. (Es ist immer noch da, wenn auch nicht mehr so schrecklich doll.) Wie um alles in der Welt soll ich denn meine Mauerabbauarbeit leisten, wenn er alle paar Sekunden von vorne mit Bemerkungen in diese Richtung aufwartet. Ich dachte, ich könnte die Arbeit weitestgehend unbemerkt und ohne viel Theater vonstattengehen lassen, aber wie's aussieht, sollte ich ihm doch nochmal explizit mitteilen.. ach, was soll's. Mitteilen hin oder her, das wird doch nichts. Wieso geb' ich's nicht gleich komplett auf. Ich könnte auch einfach weiter auf der erfolglosen Suche nach jemandem vor mich hinvegetieren, dem ich schlicht und ergreifend und ganz ohne Aufopferung fragwürdiger Prinzipien genug bin.

  • Uägh.

    Und es hört nicht auf.

    Man muss dazu sagen, dass ich betrunken bin und bis vorhin noch sehr gut gelaunt durch die Gegend taperte- Dann kam ich nach Hause und rief Ryk an. 

    Er sagte jede Menge andere Sachen, gute Sachen, in dem Gespräch, aber ich verbrachte trotzdem die größte Zeit mit Heulen, einfach weil man damit nicht anfangen sollte, wenn ich in diesem Zustand bin.

    Heute habe ich frei und werde alles Mögliche an Dingen tun, die auf meiner Liste vermerkt sind. Basti und Trudi sind noch feiern. Ich habe es geschafft, mich zu widersetzen und zu Hause zu bleiben, auch wenn ich ihnen gesagt hatte, sie müssten mich nur genügend abfüllen, um mich zum Mitkommen zu überreden. Es hat aber nicht gereicht (wohl aber dafür, dass ich in Bastis Wohnung eine halbe Stunde lang zu dessen Remixes mit Ryks Kuscheldecke getanzt habe, die er dagelassen hat, als er wegzog).

    Ich gehe schlafen.

  • Bagoaz aurrera.

    Ja, den Basken ist ihre Kultur und Nationalität völlig egal.

    Was ist das herrlich, ich könnte heulen vor Freude. Es ist ja schon eine ganze Weile her, ein paar Wochen bestimmt, seit den Wahlen in Euskadi, aber die Ergebnisse sind es absolut wert, erwähnt zu werden. Das hier ist Pamplona. Auch hier gab es einen Bürgermeisterwechsel, der sich gewaschen hat. Es wird alles besser, es wird alles gut. Ich könnte heulen. Wie sie strahlen! Wie sie bald abheben! Wie sie singen. UPN agur! - Ciao, UPN. Ein Traum, ein Traum. Das musst du dir ansehen, auch wenn du Spanisch und Baskisch nicht verstehst. Glaub mir, die Bilder verstehst du.

    Kepa hat Recht. Bagoaz aurrera.

  • Erlösung am Abend

    Auf einmal fühle ich mich, als wäre es erst Mittag.

    Was verstörend ist, weil ich mich den ganzen Tag lang gefühlt habe, als wäre ich schon seit Wochen wach.

    Ich war in der Uni heute, und danach in der Arbeit. So traurig es auch sein mag, momentan ist es eine Errungenschaft, wenn ich es schaffe, mich das eine Mal in der Woche zum frühen Aufstehen zu zwingen.

    Ich fühle mich jetzt gut; ich bin zu Hause und kann mich wieder entfalten. Vielleicht ist die Erwerbsarbeit in erster Linie dazu gut, einen so eng einzuschnüren, dass man keine Luft mehr bekommt und sich Minute für Minute weiter durchkämpft, blau angelaufen, mit hervorquellenden Augen und tauben Gliedern, und sich zu jedem Schritt aufs Neue mit aller Willenskraft überreden muss, um dann, wenn es wirklich nicht mehr geht, nicht eine Sekunde länger nach den ganzen unzähligen Sekunden, in denen es eigentlich auch schon nicht mehr ging und man es aber doch geschafft hat, noch weiterzumachen um seiner Träume willen, mit einem Japsen wieder Luft zu holen und erst dann richtig zu spüren, wie einen der Sauerstoff, das pure Leben, bis in die letzte Zelle durchdringt.

    Ich habe jedes Mal Panik in der Arbeit. Es ist absurd; die Arbeit ist todlangweilig und stumpft meinen Geist ab und versetzt mich trotzdem zugleich in eine unterschwellige Alarmbereitschaft. Dienstag und Freitag sind Paniktage. Panik und zu viel Kaffee. Wobei das nicht unbedingt korreliert, wie ich eigentlich immer annahm - von zu viel Kaffee bekomme ich auch Panik. Aber nein, heute hatte ich keinen, nur morgens früh in der Uni. Die Panik kam trotzdem. Das freundliche, lockere, entspannte Umfeld des Büros hat nichts Panikerregendes an sich, sollte man meinen. Nics Google-Atmosphäre, auf die er so viel Wert legt. Es ist jedes Mal das Gleiche. Ich mache eine halbe Tour fertig und schon macht sich langsam, aber sicher das Gefühl bemerkbar, dass es jetzt reicht und ich dort rauswill. Nach zwei-drei weiteren Touren wird das Gefühl zur Gewissheit. Die letzten vier Touren lang ringe ich jedes Mal mit mir selbst, noch eine zu machen, wenn ich fertigbin, eine nur noch, und wenn's dann nicht mehr geht, okay, meinetwegen, dann pack' ich's. Schreibe ein paar Sätze, wenn's hochkommt, schiebe einen kurzen innerlichen Panikanfall, nehm' mich zusammen und weiter geht's. Drei Wörter später das Gleiche. Konzentration ist ein Fremdwort. So geht es weiter bis sechs. Dann ist Sarah mit Arbeiten fertig, will nach Hause und scheucht mich raus, um das Büro abschließen zu können. (Nic lässt uns Studenten allein arbeiten, aber nicht so Sarah, oh nein. Sarah nimmt ihren Job ein klein wenig zu ernst für meinen Geschmack.)

    Es wird aber besser, weil ich wirklich daran arbeite, nicht immerzu abzudriften. Anfangs war es ganz übel; da hatte ich zwar weniger Panik, aber mehr Konzentrationsprobleme, und habe alle paar Minuten erstmal für Ewigkeiten aus dem Fenster gestarrt. Eigentlich hilft mir die Panik, mich zu konzentrieren, weil ich durch sie viel bewusster darauf achte. Ich bin auch schneller geworden. Manchmal habe ich den Eindruck, je mehr Panik ich habe, desto schneller bin ich. Heute war es extrem und ich bin vor Sarah aus dem Büro gegangen, was eigentlich nie vorkommt, weil ich immer recht spät erst komme - nach Neurolinguistik halt - und ja irgendwie meine Stunden zusammenbekommen will. Aber heute habe ich irgendwann gegen halb sechs Uhr dem Gefühl des Eingesperrtseins nachgegeben und bin einfach geflüchtet. Habe also nur fünf Stunden und fünfzehn Minuten gearbeitet, 41 Stunden 20 Minuten in der Monatsetappe - es wird bei uns am 17. abgerechnet - und in der Zeit zehn Touren übersetzt. Fünf wären normal gewesen. So ist das.

    Was übel war heute, war auch die Tatsache, dass Nic (der zwar im Nebenzimmer arbeitet, aber aus irgendeinem Grund trotzdem bei uns den Computer laufen hatte) Radio Energy angemacht hatte, was nicht nur ein grottiger Sender ist, sondern zudem ein Münchener Sender, sodass mir in meiner nicht vorhandenen Konzentration alle paar Minuten auch noch Ryk in Erinnerung gerufen wurde. Da das Thema Ryk immer Stoff zum Nachdenken liefert, waren die Münchener Verkehrsmeldungen nicht gerade das, was ich für ein unabgelenktes Arbeiten am besten brauchen konnte.

    Meine To-Do-Liste für diese Woche kann sich sehen lassen und ich fühle mich motiviert, mit ihrer Abarbeitung anzufangen. Deshalb habe ich auch eben schon den Riesengewürztagetes recherchiert, ich habe nämlich Samen davon bestellt und.. oh, da fällt mir ein, ich sollte die Rechnung noch begleichen. Uff.

    Weißt du was - ich bin weg vom Fenster. Fürs Erste.

  • My Fingernail Phase

    Natürlich hänge ich jetzt hier und muss The Used hören, während ich eigentlich sonstwas Sinnvolles tun könnte. Aber seit wann gehe ich in meinem Leben nach Sinnvoll und Sinnlos.

    Überraschend gut geht's mir heute. Okay, ich war nicht in der Uni, aber das ist mehr auf meine mittlerweile ins Unendliche wuchernde Faulheit als auf wirklich ernsthaft depressive Verstimmungen zurückzuführen. Soweit sich das unterscheiden lässt zumindest. Und es regnet nicht mehr. Meine Pflanzen sind versorgt, die gröbsten Überschwemmungen behoben.
     
    Bei der Tafel war ich selbstredend vorhin, und dann bei Marie, wo wir (wie es mit ihr in letzter Zeit meistens der Fall ist) hochgradig erfüllende Gespräche führten, bis ich losfuhr. Auf dem Nachhauseweg begegnete ich Basti und Lisa, die sich selbst gerade zufällig getroffen hatten. Da ich vorher noch gegenüber von Maries Wohnung containern gewesen war, konnte ich Lisa eine Artischocke schenken. Ich habe selten erlebt, dass jemand über ein Lebensmittel so unendlich glücklich war. Ich bin immer noch gerührt.
     
    Basti ging dann zu Bektaş, weil endlich der Benzinschlauch angekommen war, den er bestellt hatte, um dessen Auto zu reparieren. Ich bin unmotiviert und kann mich nicht dazu durchringen, irgendetwas Sinnvolles zu machen. Ich schaffe es nichtmal, meinen Samstag Nacht erstandenen Subwoofer auszuprobieren, den ich gestern schon in der Küche aufgestellt habe. Es ist so eine lange Kette an Dingen, die man dafür tun müsste. Ich habe bis heute noch nicht meine ganze Musik auf dem Ipod, da fängt's ja schon an. Ich brauche Hilfe. Jemand muss hiersein und arbeiten, wovon ich dann meine Produktivität abhängig machen kann, Anders funktioniert es bei mir nicht. Ich bin müde und es ist grau draußen. Ryk war übrigens wirklich nicht so entsetzt wie ich wegen seines WG-Zimmers. Er sucht einfach weiter. Wie's aussieht, kann er die ganze Woche nicht runterkommen, was mir einiges an Zeit gibt, mich um Sachen zu kümmern, um die ich mich eigentlich permanent kümmern müsste. Uni zum Beispiel. (Wenn ich doch nur anfangen könnte.) Er kommt dann nächste Woche wieder. Mittlerweile fühlt er sich da oben so unwohl, dass er jede Gelegenheit nutzt, da rauszukommen, also kommt er einfach jedes Mal runter und ich muss gar nicht mehr hochfahren. Optimalstzustand eigentlich.

    Gawd, wie gut es einfach ist. Imaginary Enemy war ein Flop, aber meine Güte, das passiert halt. Die Absicht war gut, was nichts daran ändert, dass das Album grottig ist, aber ich werde nicht anfangen, darüber ihre eigentliche Genialität zu vergessen.

  • "Vielleicht, wenn ich morgen schnell durchkomme."

    Also, mein Wochenende war super (wenn auch etwas anstrengend), und die Woche davor ebenso. Mehr schön als anstrengend.

    Ich bin trotzdem mal wieder kurz vorm Durchdrehen. Ryk bekommt das Zimmer nicht, das er in Aussicht hatte, und in Anbetracht seiner Lage (und der so vielversprechenden Aussicht) geht mir das gerade wahrscheinlich bald näher als ihm selbst. Wobei, natürlich nicht, höchstens auf eine andere, weniger agg- und mehr depressive Art. Weiterhin wurde ich heute sogar von Seiten meiner Mutter darauf hingewiesen, dass die Konstellation Basti-Aspi-Ryk leicht skurrile Züge an sich hat, und da ich mir dessen natürlich vorher schon bestens bewusst war, sorgte das einfach nur dafür, dass ich mich jetzt noch mehr gedanklich um das Thema wickele und mir aber keine wirklich gute Weise einfällt, diesen Konfliktherd auszuschalten. Es gibt ja momentan gar keinen Konflikt. Der Konflikt ist in meinem Kopf.

    So wie der Konflikt, der sich daraus ergab, dass ich einmal schnell wieder vergessen hatte, dass die Transparenz bei aller Liebe, die ich ihr entgegenbringe, auch ihre bösartigen Tücken hat. Nachdem sich Caro von meinen Kommunikationsabsichten gegenüber der Sackratte als noch weitaus weniger als "not amused" erwies, war ich eben schon der Annahme, gerade wegen des gleichen Vollzeitarschs zum zweiten Mal in meinem Leben einen Kontaktabbruch seitens meiner besten Freundin provoziert zu haben; unangenehm war's. Der Machtstatus meiner Paranoia ist unverändert. Macht mich wieder mal nachdenklich, weil ich mir so überhaupt nicht sicher sein kann, was an meiner Wahrnehmung überhaupt Realität ist und wie viel Prozent ein Produkt meiner Einbildung.

    Also schon wieder so ein Anflug. So spiralisiert man sich in Grund und Boden. Snapping out of my usual self, I'm once again becoming - albeit temporarily - the familiar unstable creature, weary and untrusting, convinced of my complete and utter failiure as a human being. Das geht rasend schnell, a matter of mere minutes, ich bin jedes Mal aufs Neue erstaunt. Ich merke, dass es da ist, allerspätestens an den Vorwürfen, die ich mir mache, wenn ich anfange, mich zu beklagen. Ich habe mir schon Vorwürfe gemacht, da hatte ich nichtmal angefangen zu tippen, "erbärmlich und selbstmitleidig" being the main expressions used. Daran erkenne ich ohne jeden Zweifel, dass der Zustand wieder zugeschlagen hat und meiner Wahrnehmung in keinster Weise zu trauen ist.

    Passt; geht vorbei. Grad rief mich Ryk an; es beruhigt, seinem Monolog über seine Arbeit mit einem halben Ohr zuzuhören, während ich tippe. Ein paar Minuten werd' ich noch haben bis zum obligatorischen, auf den ersten Redeschwall folgenden "Und bei dir?"

    Nicht wirklich. Ich sollte mal aufhören zu tippen.

  • Wer will einen Kuchen backen...

    Drei Sachen.

    1) Ich habe das Bedürfnis, Şahin zu schreiben. Eigentlich nur, weil ich ihm Check for a Pulse von No Use for a Name zeigen will; ich habe den Verdacht, dass er das Solo so lieben würde, wie ich es tue. Mir fällt auf einmal überhaupt kein Grund ein, es nicht zu tun. Außer natürlich dem, dass ich zu Basti will, und das schon seit einer Stunde, und Ryk schon um Mitternacht wiederkommt und ich dann zu Hause sein sollte. Außerdem sollte ich Caro konsultieren vor einer derartigen Aktion. Vielleicht wird dem an sich recht simplen Akt an anderer Stelle mehr Bedeutung beigemessen, als ich das in meinem No-Use-Delirium gerade tue.

    2) Ryk. Er liebt mich wirklich. Es ist absurd.

    3) Ich liebe Ryk. Ich muss an meinen Mauern arbeiten. Mongolen, wo seid ihr, wenn man euch braucht?

    4) No Use for a Name liebe ich ebenfalls. Ich bin jedes Mal aufs Neue deprimiert, weil Tony tot ist.

    5) Ich vermisse Robert. Und mein altes Leben, in dem ich abends immer so unendlich viel Zeit hatte, um mit den Anderen bei Skype zu hängen.

    6) Ich muss los.

    7) Doch, mir ist schon bewusst, dass es doch mehr als drei Punkte geworden sind, aber was soll man da schon machen.

  • Bisher nur trockene Blitze.

    Ryk war die Blutleiche.

    Ich war leicht angetrunken, als ich das herausfand, und umso mehr war dieser Fakt für kurze Zeit eine echte Verblüffungsbereicherung für mein Leben. Er ist es auch jetzt noch, ein paar Tage nach dieser unerwarteten und zufälligen Revelation.

    Es war nämlich so. Ich saß Wein trinkend mit Ryk in der Küche und er sinnierte über seine paradoxe Verbundenheit mit dieser Stadt. "Ich liebe einen Ort, der sich über Nebel am Morgen definiert." Ich fragte ihn daraufhin, ob der Rektor damals, als er Ersti war, in der Willkommensveranstaltung auch schon die Bemerkung über die fünfzig verschiedenen Graustufen gemacht hatte, die man angeblich im Laufe seines Studiums hier unten nicht umhinkäme kennenzulernen (ein Vorurteil, das sich mir beim besten Willen nicht bestätigt hat). Das Stichwort Ersti-Willkommensveranstaltung weckte in ihm andere Assoziationen und er fing an, sich durch die komplexe, von Myriaden Abzweigungen durchzogene Welt seiner Erinnerung dahin vorzuarbeiten, dass er mit der Linksjugend in einem der Wintersemester doch diese Aktion durchgezogen hatte - "wart ihr das damals, wo wir reingeplatzt sind mit dem Protest gegen die Rüstungskooperation? Mit der Blutleiche?"

    Und ich so, "nee, ich glaub nicht... Warte mal. DOCH!"

    Ich hatte die Aktion unter Ferner liefen abgespeichert, weil ich irgendwie davon ausgegangen war, dass sie mit dem Rektor abgesprochen und somit völlig langweilig und sinnlos war. Aber sie war überhaupt nicht abgesprochen. Und Ryk war die Blutleiche. Ryk. Ich habe Ryk gesehen. An meinem ersten Tag in der Uni. Seine damalige langjährige Freundin Giada war Sängerin der Uni-Big-Band, welche ebenfalls bei dieser Veranstaltung vertreten war. Ich habe Ryk und Giada an meinem ersten Tag an der Uni gesehen, während ich vor Şahin-Drama komplett am Krepieren war und auf dem besten Weg, über Jahre als Wrack durch die Gegend zu tapern. Es war ein vollkommen anderer Mensch, der da saß und mehr oder minder unbeeindruckt alles an Big Band und Blutleichen an sich vorbeiziehen ließ. Es ist zu absurd, um wahr zu sein. Except it is.

    Ryk derweil hatte sich über Wochen den Kopf zerbrochen, wie er an veganes Filmblut kommen sollte. Ich fühle mich fast schuldig im Nachhinein, so völlig achtlos und deprimiert da herumgesessen und diesen ganzen Effort kein bisschen gewürdigt zu haben. But then, oh well, how was I supposed to know.

    Davon ab: Meine Stimmungslage ähnelt der des Wetters. Jede Faser meines Körpers wartet auf das Gewitter. Ich muss mich mit aller Kraft vom Denken abhalten, denn es kommt nur der letzte Schwachsinn dabei heraus und führt zu Kurzschlusshandlungen und Verhaltensweisen, mit denen ich mir ganz sicher hart erarbeitete Erfolge sehr schnell wieder kaputtmache. Am liebsten würde ich einfach schlafen, bis es wieder vorbei ist. Das Problem ist, es geht nicht weg, solange ich schlafe. Ich muss da lebend durch. Ich hoffe einfach, dass Angst und Zweifel bald wieder auf ein besser zu ertragendes Maß absinken. Wie es einfach nie aufhört, furchtbar.

  • Self-defense = self-destruction. Sometimes.

    Mir fällt es immer erst wieder im Sommer auf: Mein Zimmer und die Anziehungskraft, die ich auf Mosquitos ausübe, sind so inkompatibel wie nur irgend möglich. Okay, die Wände sind weiß. Aber der ganze Rest ist einfach so bunt, dass man praktisch keine Chance hat, die Dinger je zu erwischen, wenn sie einem nicht gerade direkt um die Ohren sausen. Überall ist Kruscht (entschuldige die vermutlich nicht wirklich korrekte Orthografie - mein Badisch ist zwar im passiven Bereich inzwischen ganz akzeptabel, aber es mangelt mir ganz eindeutig an aktiver Praxis), jeden Zentimeter füllt und bedeckt der ein oder andere entweder meines Erachtens optisch ansprechende, mit irgendeiner Geschichte und folglich wertvollen Erinnerung verbundene oder aber einen wirklichen Zweck erfüllende (oder im Idealfall alle drei Eigenschaften kombinierende) Gegenstand, an Wänden und Türen hängen Bilder, Poster und Instrumente, Schmuck und Schals und Fotos, Spiegel und Baskisch-Grammatik. Egal, wo du nun genau hinschaust. Du findest alles und nichts, kommst aus dem Finden wahrscheinlich gar nicht mehr raus, nur diese verdammte Mücke, die findest du nicht.

    Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie viele Dinge ich auf so engem Raum unterbringe, ohne dass das Zimmerchen zu chaotisch wirkt. (Jetzt gerade ist es ein bisschen chaotisch, aber auch hier - kein Vergleich zu anderen Zeiten.)

    Kepa war entsetzt, als er das erste Mal hier war. Was mit mir verkehrt sei, meinte er. "Ja, ich bin jetzt ordentlich!", sagte ich. Er entgegnete daraufhin, er könne doch nicht der letzte Chaot auf Erden sein.

    Ihm war mein Zimmer hier immer zu aufgeräumt. Bei einem seiner darauffolgenden Besuche hat er ein Vermüllungsgesetz aufgestellt, dem zufolge ich keine andere Wahl hätte, als mein Zimmer allen Bemühungen zum Trotz langsam, aber sicher wieder dem Chaos anheimfallen zu sehen. Ich denke jedes Mal daran, wenn es wirklich mal wieder so weit kommt, dass ich mich selbst in meiner Unordnung nicht mehr wohlfühle. Zu stimmungstechnisch suboptimalen Zeiten passiert das schonmal.

    Eigentlich wäre jetzt ein perfekter Zeitpunkt fürs Vermüllungsgesetz, mal wieder zuzuschlagen. Irgendwie war meine Laune heute grenzwertig, mit Tendenz zum Schlechteren gegen Tagesende. Ryk bekam dies insoweit zu spüren, als ich mich standhaft geweigert habe, mit ihm ins Contrast zu gehen, obwohl ich merkte, wie unbedingt er nochmal raus wollte. Er hat aus Verzweiflung schon alles angeschrieben, was irgendwie "anschreibenswürdig" war, aber niemand hatte wirklich was Konkretes zu tun. Nachdem ich ihm irgendwann sagte, dass ich heute einfach keine Menschen kann, hat er sich letzten Endes allein auf in Richtung seines Reviers gemacht. Mich natürlich mit einem monstermäßig schlechten Gewissen zurückgelassen und aber gleichzeitig mit der Erleichterung einer gerade nochmal so dem Tode (durch Socializing und Geldausgeben) Entronnenen.

    Ich kann dir gar nicht sagen, dachte ich vorhin noch, wie leid es mir tut, dass ich so ungern weggehe. Selbst an schäbige, sympathische Orte wie das Contrast, das mir ja wirklich von allen Lokalitäten hier noch die liebste ist. Ich halte es trotzdem nicht wirklich aus. Gerade an solchen Tagen wie jetzt, an denen ich eh schon wieder vollkommen überzeugt bin, einfach nur unfähig und anstrengend zu sein. Je überzeugter ich bin, desto unfähiger und anstrengender werde ich. Und dann denke ich mir, ob ich das Recht habe, so sehr auf meinen Idealen zu beharren, und werde noch verzweifelter als vorher, weil von allen Seiten die Selbstvorwürfe auf mich einprasseln und zeitgleich das Unverständnis - wie kann es sein? Warum denke nur ich so? Warum kann es keine Selbstverständlichkeit sein, jemanden, dem der Konsum vom Grunde seines Herzens auf zuwider ist, einfach nicht zu fragen, ob man Billard spielen geht, oder ins Kula, oder ins Contrast. Aber es tut mir so leid. Wüsste ich nicht um die dreieinhalb Millionen Quirks, die ich von Ryks Seite zu tolerieren habe, würden mich die Schuldgefühle bald auffressen. Das tun sie so schon. An solchen Tagen fehlt mir das ganze Vertrauen, das in mich selbst in erster Linie, das in die Gesamtsituation in zweiter. Ich muss einfach nur aufpassen, dass mein paranoides Selbstschutz-Alien nicht die Kontrolle übernimmt.

  • Weil die baskische Kultur ein Hirngespinst ist und ich als bedingter Anti-Spe faschistoid... Welcome to politics.

    Erstmal die Arbeit, die ich eh schon habe, effizient ausschöpfen. Wozu habe ich einen 450€-Job und gehe dann nur 20 Stunden im Monat arbeiten, wenn überhaupt. Diese Woche seit Langem wieder zweimal gearbeitet. Sarah ging früh nach Hause, weil sie dieses Wochenende am Umziehen ist (sie zieht mit Pedro in die Altstadt), also musste ich nach 5 Stunden 15 auch schon wieder heim. Aber in diesen fünf Stunden habe ich acht Touren übersetzt, was unglaublich produktiv ist für meine Verhältnisse. Vor allem wenn man bedenkt, dass beim Erstellen der Touren immer mehr zu beachten ist. Anfangs war man nach der Detailseite fast schon fertig, mittlerweile muss der Vouchertext auch noch übersetzt werden, und die Merkmale werden ebenfalls mit ihren deutschen Entsprechungen neu zugeordnet. Das raubt eigentlich am meisten Zeit, dieses ganze Drumherum.

    Aber ich übe mich jetzt in Geschwindigkeit und hoffe, mich weiter zu steigern, möglichst natürlich bei gleichbleibender Accuracy (wobei es in dem Saftladen auch niemanden jucken würde, wenn man sich nur halb so viel Mühe gibt. Aber so desillusioniert bin ich noch nicht, even though I've already come quite a long way).

    Ja, ich gehe also Dienstag wieder arbeiten.

    Nebenbei ist Laura auf dem besten Wege, sich in die dritte nutzlose Diskussion der Woche hereinzusteigern. Nach Containern (falsch motiviert) und Antispeziesismus (faschistoid) hat sie es jetzt auf meine Intentionsethik abgesehen. Es ist so anstrengend. Gut, dass ich keine echten Feinde habe, da kommt die gelegentliche Attacke aus dem engsten Freundeskreis nicht ganz so schnell dazu, dich in Verzweiflung zu stürzen. Manche Menschen sind so, die brauchen zum Scheitern verurteilte Diskussionen wie Luft zum Atmen.

    Schrieb ich gestern und klappte irgendwann mittendrin einfach den Computer zu, als mir die Unterhaltung mit Laura zu viel wurde. Und machte ihn nicht wieder auf bis jetzt, einen ganzen Tag später.

    Jetzt habe ich mich schon wieder in Rage geschrieben, diesmal tatsächlich ausnahmsweise nicht in persönlichen Belangen, sondern in einer Mail an meine Mutter bezüglich eines Artikels aus ihrer geliebten FAZ (woher sonst), den sie mir neulich geschickt hat. Den möchte ich dir nicht vorenthalten.

    Beim Fußball hört der Spott auf

    Wie sich eine Nation selbst erfunden hat: Ibon Zubiaur kennt die befremdlichen Landschaften der baskischen Identität und weiß, welche wichtige Rolle darin die gemeinsame Schultoilette spielt.

    Im Kellerregal, wo die nicht mehr gebrauchten Bücher schlummern, lese ich noch einmal die alten Titel: „Die Geschichte von Eta“. „Führer durch das baskische Labyrinth“. „Die bleiernen Jahre“. „Schrei nach Frieden“. Die fetten Ordner mit der Aufschrift „Eta“, in denen Zeitungsausschnitte aus fast fünfzehn Jahren gesammelt sind, rühre ich lieber nicht an. Es ist gut, dass das Allermeiste davon metaphorisch schon zu Staub zerfallen ist, bevor die materielle Zersetzung beginnt. Denn der baskische Terrorismus ist glücklicherweise aus den Nachrichten verschwunden.

    Die Terrorgruppe Eta – um nicht spießig und moralisierend zu wirken, benutzten deutsche Medien für sie gern den neutralen Begriff „Separatistenorganisation“ – hat zwar noch nicht die Waffen abgeliefert, im Herbst 2011 aber „das definitive Einstellen der bewaffneten Aktivität“ verkündet. Auch ihre schwerfällig-bürokratische Rhetorik ist damit verweht. Zurück bleiben: eine traumatisierte Gesellschaft; verurteilte Menschen in Gefängnissen, die auf die Chance zur Wiedereingliederung warten; Tausende Angehörige von mehr als achthundert Mordopfern, darunter Politiker, Unternehmer, Militärs, Polizisten, Personenschützer, Journalisten, zufällige Passanten. Wer den Ideologen hinter den Pistoleros das Handwerk legen wollte, musste bereit sein, den Preis dafür zu bezahlen, wenn nicht durch Tod, dann durch Depression und Exil. Viele alte Bücher, die davon künden, haben sich in nutzlose Erinnerung verwandelt, in Müll, der kaum einen der Heutigen mehr interessiert.

    Ibon Zubiaur, Jahrgang 1971 und wohnhaft in Berlin, ehemaliger Direktor des Cervantes-Instituts in München, schafft es, sechzig Seiten lang über seine baskische Heimat und ihre Kuriositäten zu schreiben, ohne den Namen Eta zu erwähnen. Es ist eine bewusste Geste, und sie hat etwas Befreiendes. Wenn einer in seinem Berufsleben nicht zur Propaganda für die eine oder andere Seite zwangsverpflichtet wurde, kann er es sich leisten, die Geschichte aus radikal persönlicher Perspektive zu erzählen: wie es etwa war, in eine Schule zu gehen, in der per Dekret Baskisch gesprochen wurde, obwohl alle – Schüler wie Lehrer – besser Spanisch sprachen und das verordnete Schulfach hinter sich ließen, sobald sie den Fuß wieder nach draußen setzten.

    Hintergrund dieser Maßnahme ist der Baskisierungsversuch durch die fast ununterbrochen regierende Baskisch-Nationalistische Partei (PNV), die nach Francos Tod die demokratischen Wahlen in der neuen Autonomen Region gewann und daranging, die Gesellschaft umzukrempeln. In diesem Sinn war der Autor Teilnehmer eines soziologischen Experiments. Seine Eltern fanden, es sei eine gute Idee, der Junge wachse zweisprachig auf. Nur dass er die Sprache nicht wie etwas Natürliches lernen konnte, weil eben kaum jemand sie „natürlich“ sprach.

    Denn einen Traditionszusammenhang durch autochthone Literatur gibt es im spanischen Norden bis heute nicht – der erste baskisch geschriebene Roman stammt aus dem neunzehnten Jahrhundert. Viele Wörter existierten also nicht und mussten neu geprägt werden. Darunter das lustige Wort „komuna“, welches die Toilette bezeichnet, jedoch mit ideologischem Hintersinn: „Statt das Verborgene, das Schamhafte, das Private zu unterstreichen, betont man umgekehrt das Allgemeine, die Tatsache, dass es sich bei einer Schultoilette um einen Ort handelt, den viele besuchen, der gemeinschaftlich ist.“ Der Plural heißt „komunak“.

    Auftritt Sabino Arana (1865 bis 1903), der Chefideologe des frühen baskischen Nationalismus, der die Region mit einer eigenen Fahne ausstattete, der die baskischen Wörter für das Baskische („Euskera“) und das Baskenland („Euskadi“) erfand und seinerseits längst nicht perfekt Baskisch sprach. Mit leichter Hand, aber gehörigem Kopfschütteln führt Zubiaur den Leser durch das Absurditätenkabinett eines Nationalismus, der nicht eine verschüttete Geschichte bergen will, sondern sich eine neue Vergangenheit als unabhängige Nation erfindet. Dazu gehören abwegige Etymologien, abenteuerliche Vorschriften zur Bildung „authentisch“ baskisch klingender Namen und eine völkische Propaganda, die nicht weit von der Blut-und-Boden-Mythologie der Nazis entfernt ist. In dieser rückwärtsgewandten Konstruktion zur Sicherung unverfälschten Baskentums sind „Rasse“ und „Geschichte“ Schlüsselbegriffe einer unmissverständlich xenophoben Mission.

    Dass Ibon Zubiaur diesen Zusammenhang nicht als schwerleibiges Manifest formuliert, sondern in die Form des entspannten Essays und eines über drei Banden gespielten Kulturvergleichs kleidet, dürfte sich aus seinem Werdegang erklären. Denn einerseits besitzt er den doppelten Blick durch seine spanisch-baskische Identität, andererseits kommen noch seine deutsche Erfahrung und die deutsche Sprache hinzu, in der das Buch geschrieben ist. In Spanien kennt man Zubiaur vor allem als Übersetzer von Brigitte Reimann, Irmtraud Morgner und anderen DDR-Autoren – eine Leidenschaft, die sich nicht mit dem Erledigt-Votum durch den Mauerfall zufriedengibt, sondern den verschwundenen deutschen Staat als Kulturlandschaft neu kartographiert. Dahinter steht der Glaube, es wäre besser um die Zivilkultur bestellt, „wenn wir weniger nationale Ermahnungen und mehr Autobiographien geschrieben hätten“.

    Nur ein Objekt entgeht der Spottlust des Autors, der Fußballverein Athletic Bilbao. Ihm ist die Liebeserklärung des letzten Kapitels gewidmet. Zubiaur entdeckt hinter dem heroischen Entschluss des Klubs, nur Spieler aus dem Baskenland (Navarra und das französische Baskenland jenseits der Pyrenäen eingeschlossen) zu verpflichten und daraus eine erstligataugliche Truppe zu formieren, eine bemerkenswerte Integrationsleistung: „Für Athletic Bilbao konnten sich (zumindest in Biskaia, der bevölkerungsreichsten Provinz) zu jeder Zeit Nationalisten wie Nichtnationalisten, Linke wie Rechte, Bischöfe wie Punks erwärmen.“ Hier darf also mitspielen, wer die entsprechende Leistung bringt und nach Ansässigkeit oder Herkunft Baske ist. Sprache, Rasse oder Gesinnung spielen keine Rolle, eher die weichen Kriterien der Gemeinschaftsfähigkeit. Ein Beweis dafür, dass Fußball dem Nationalismus nicht nur Ausdruck verschafft, sondern ihn manchmal segensreich ersetzt. PAUL INGENDAAY

    Der blanke Hohn.

    Den Autor dieses Buches, um den es da geht, kann ich übrigens gut nachvollziehen. Problematisch wird es, wenn man die Auffassung dieses Einzelnen (der dazu berechtigt ist, wie jeder zu seiner Meinung berechtigt ist) als die Denkweise eines ganzen Volkes hinstellt. Dass einem einzelnen Basken seine Kultur und Nationalität nichts bedeuten, sollte nicht den Kampf eines ganzen Volkes um Identität und Anerkennung in den Dreck ziehen. Das ist der Grund, aus dem sich der Artikel für mich anfühlte wie ein Schlag ins Gesicht Zigtausender, an allererster Stelle die Angehörigen von achthundert Mordopfern (danke, ETA) und von toten, verurteilten oder untergetauchten ETA-Mitgliedern, die bestimmt auch gern hören, dass das ihre Geliebten für eine Sache ihr Leben gelassen haben, gefoltert, misshandelt und eingesperrt wurden, die eigentlich ja kein Schwein interessiert und eh nur von Politikern dem Volk aufgedrückt wird. ETA ist nicht ohne Grund ein zentraler Aspekt der baskischen Geschichte. Natürlich ist es erfreulich, mal abzuschalten und den Blick vom Terrorismus zu nehmen, aber warum gab es denn die ETA nochmal? Bestimmt, weil jeder Baske es unnötig findet, seine Sprache in der Schule zu lernen, nachdem sie von der Straße schon zu riesigen Teilen verdrängt wurde. Wodurch? Sicher aus freiem Willen und Desinteresse an der eigenen Kultur. Da schreib' ich mich schon wieder in Rage, es ist doch nicht zu glauben. Widerlich.

    Allein schon der Vergleich "Nazis". Die Nazis sagen, von ihrer Nationalität, die sie ja haben, ausgehend, "wir sind was Besseres und alle Anderen sollen raus." Die Basken sagen, "wir sind gleichwertig, und wir wollen rein [in einen Staat für unsere Nation]." Inwieweit ist das bitte xenophob? Dahinter steht schlicht und ergreifend die Forderung nach Anerkennung der eigenen, sehr realen und sicher nicht eines schönen Tages aus Lust an der Freud erfundenen Identität.

    Schrieb ich übrigens auch Mama - mit ein paar Tagen Verzögerung, weil mich das Ganze zuerst doch ein bisschen zu fertig gemacht hat, um sofort eine Reaktion, die über "das ist harter Tobak" hinausging (woraufhin mir Mama erstmal freundlich in Erinnerung rief, dass es eigentlich "starker Tobak" hätte heißen müssen - so entsetzt war ich ob des Artikels, dass ich glatt meine eigene Sprache vergaß darüber), zurückzuschicken.

    Kepa sollte ich den Text da oben auch mal zukommen lassen. Wobei, andererseits, wozu ihm das antun, ich vergesse das Ganze jetzt lieber schnell wieder, rege mich ab und beruhige meinen Blutdruck. Zu viele Vergleiche mit Nazis in dieser Woche, zu viele davon. Das machen meine Nerven nicht mit. Haben sie alle nichts Besseres zu tun, als abwegige Vergleiche mit Nazis zu Hilfe zu nehmen, wenn sie einen Punkt rüberbringen wollen?

    So. Ryk ist in einer Stunde [mittlerweile 20 Minuten!] schon hier, wenn alles gut geht. Kein Wunder, dass der Mensch so ein cholerisches Nervenbündel ist, wenn man bedenkt, dass er sich sein halbes Leben mit Politik befasst und im Zuge dessen ungefähr das getan hat, was mich nach einer Woche schon an den Rande des Wahnsinns treibt. Basti machte sich gerade aus dem Staub, und jetzt berede ich kurz mit Kepa das oben angeführte Meisterschriftstück. Er sagt, ich solle spanischer Regierungschef werden, es könne nur besser werden. Wo er wohl Recht hat. Ich würde das Land kurzerhand in seine Einzelteile zerlegen und aus den weniger als 50%, die danach von Spanien noch übrigbleiben, ein foodsharendes, recyclendes, in erneuerbare Energien und Cradle-to-Cradle investierendes Öko-Land machen, in dem Containern zur Pflicht (und, so bald es nur geht, ganz überflüssig) wird und Flüchtlinge nicht in Schiffen vor der Küste ertrinken.

  • Amputierte Basalganglien (und andere Vorwände, um genau jetzt nicht zu lernen)

    Bis hin zur Sehbahn habe ich alles gelernt oder zumindest halbwegs gründlich überflogen.

    Dazu muss gesagt werden, dass das gründliche Überfliegen bei mir ein Überfliegen plus Abstrahieren und mehrmaliges erneutes Überfliegen sowohl des Abstrahierten als auch der Original-Lernmaterialien beinhaltet, was meistens den gewünschten Lerneffekt eigentlich schon ganz gut herbeiführt, wenngleich kurzzeitig. Ebenfalls sollte dazu gesagt werden, dass ich bis heute dank gnadenloser Lernunfähigkeit keine Motivation aufbringen konnte, für irgendetwas, sei es noch so wichtig, eine tiefergehende Lernstrategie zu entwickeln oder gar anzuwenden. Irgendwie kommt man ja doch immer durch. Furchtbar sowas. Ich frage mich gerade wieder, wie ich es geschafft habe, 1,0 in Sanskrit zu schreiben, während Andere, die sich am Kursgeschehen unterm Semester gelegentlich sogar beteiligen konnten, da sie vorbereitet zum Unterricht erschienen und sich an das zuvor Durchgenommene noch erinnern konnten, mit 1,7 am Ende rauskamen. Wobei Graziellas Mappe vermutlich um einiges ästhetisch wertvoller war als meine und ihr gut und gern die Note noch auf 1,3 hochgerissen haben könnte, wie ich sie so einschätze. Davon ist eigentlich auszugehen, wenn man überlegt, dass der unansehnliche Kladderadatsch, den ich anstelle einer akribisch mit Daten versehenen und schön angeordneten Mitschriftsammlung bei der Dozentin eingereicht habe, offenbar immer noch gereicht hat, um mir meine 1,0 aus der Klausur nicht zu versauen.

    Aber statt mich in den wundersamen Erfolgen des vergangenen Semesters zu sonnen, sollte ich mich lieber an den Rest Neurolinguistik für morgen machen. Blendende Voraussetzungen, unter denen die Klausur stattfindet, oder wie sonst soll ich die Tatsache klassifizieren, dass Morphologie II um 8.15 Uhr mir direkt davor noch den Anti-Energieschub des Tages bereiten wird. Aber dafür werde ich mich morgen Früh mit Guaraná im Müsli und Koffeintabletten für die Uni versorgen, um anschließend in der Arbeit die gewohnte Überdosis Kaffee zu mir zu nehmen und mich wahrscheinlich am Ende des Tages mit monstermäßiger Panik herumzuschlagen, dann nach Hause zu kommen und Ryks und meinen Abend durch ein Energieloch nie zuvor erlebter Ausmaße zu sabotieren. Ryk kommt schon wieder hierher, weil das Miethai-Drama bei ihm inzwischen so ausgeartet ist, dass er sich über jede Minute freut, die er außerhalb seiner Wohnung verbringen kann. Ich bin, so widrig die Umstände auch sein mögen, dafür dankbar; ihn hierzuhaben ermöglicht mir, mein Leben währenddessen weiter fortzuführen, statt es komplett zu pausieren, wie es der Fall ist, wenn ich zu ihm nach München fahre. Bei ihm ist das ähnlich gelagert; während er - Arbeit sei Dank - in München kaum mal rauskommt, wartet hier ja jedes Mal sein altes Leben mit seinen zigtausend alten Bekannten und Freunden auf ihn. Zehn Jahre Kleinstadtpolitik haben dafür gesorgt, dass es ihm an Gleichgesinnten und sozialen Kontakten hier ganz bestimmt nicht mangelt. Was es nicht unbedingt angenehmer macht, sich draußen mit ihm herumzutreiben, zumindest für mich als gesichtsblinden, introvertierten Menschen, der seine Kontakte gern intensiv und auf wenige Personen beschränkt hält. Der überwältigende Großteil seiner Freunde mag mich trotzdem - irgendetwas scheine ich immerhin richtig zu machen. Aber okay, sie kennen mich nicht sonderlich gut. Daran wird's liegen.

    Frei-assoziativer Redeschwall beendet; ich schau mal, ob Simone mir noch bei Skype antwortet - die wollte gestern mit mir reden, aber ich war gerade damit beschäftigt, mit Basti und Lena in der Küche zu wirken - und falls sie das nicht tut, werde ich.. Ok, sie hat keine Zeit jetzt. Dann lerne ich gezwungenermaßen jetzt die Sehbahn und den restlichen Neuro-Kram. Boah, mich hat übel die Motivation verlassen. Als hätte man mir mit einem Schlag die Basalganglien amputiert.

  • Kapital fürs Geldlos-Leben (oder: So schonmal nicht.)

    Ich war gerade dabei, mit mir selbst zu reden. Also, eigentlich war ich dabei, mir eine Unterlage aus der Schublade zu holen, auf die ich die Lernzettel-to-be für Neurolinguistik legen kann, aber dabei redete ich mit mir selbst und es äußerte sich spontan ein erschreckender Gedanke zum Nach-Hinten-Verschieben meiner Selbstversorgerpläne und der Recherche, die ich dafür betreiben muss. (Das Beratungsgespräch mit meinen Eltern am Wochenende war unerwartet konstruktiv und angenehm distanziert und führte uns zu der Einsicht, dass wir Idioten sind, wenn wir annehmen, es innerhalb von fünf Jahren so weit zu bringen, dass wir unser Projekt finanzieren können.)

    "Umso mehr Zeit habe ich. Ich muss nur trotzdem jetzt anfangen, jetzt anfangen, jetzt anfangen, jetzt anfangen. Ich kann nicht mehr einfach die ganze Zeit nichts tun. Momentan bin ich von Beruf Tochter."

    Das ist ja nun wirklich widerlich. Meine Mutter würde dazu jetzt wieder sagen, das wäre meiner momentanen Lebensphase auch vollkommen angemessen. Ich bin allerdings der Meinung, dass, wenn ich schon Geld scheffeln muss, um am Ende meine Vision zu realisieren, ich genausogut schonmal damit anfangen kann. Ich werde also mehr arbeiten. Mindestens die 450€ im Monat bei Travelcoup ausschöpfen, allermindestens. Ryk informierte mich neulich, dass ich zweimal im Jahr sogar auf das Doppelte kommen darf, das war mir zum Beispiel überhaupt nicht bekannt.

    Meine Ausbildung muss ich dann jetzt auch zum ersten Mal im Leben danach ausrichten, dass sie mich für einen Beruf qualifiziert, der mir Geld einbringt. Literarische Übersetzerin sollte ich demnach zu werden nicht anstreben, wenn ich mein Grundstück noch in diesem Leben erwerben möchte.

    Schrieb's und driftete erstmal eine halbe Stunde in die Tiefen des Internets ab, um sich über so abschreckende Dinge wie Translatologie in Leipzig oder Fachübersetzen und mehrsprachige Kommunikation in Würzburg zu informieren. Es ist doch zu absurd, was sich da schon wieder für eine Fülle an Möglichkeiten auftut. Aber mir gefällt schon wieder beides. Leipzig wegen der Stadt - ich war bisher genau ein Mal da, für eine halbe Stunde in etwa, aber es hat einen wunderbaren Eindruck auf mich gemacht. Ryk wäre begeistert und würde mir vermutlich den Hals umdrehen, aber was kann ich dafür, dass seine Eltern einen Steinwurf weit von Leipzig weg wohnen und er am liebsten seine sächsische Herkunft für immer verdrängen würde. Und in Würzburg lernt man nicht nur eine dritte Fremdsprache während des Masterstudiums, sondern hat zusätzlich Seminare zur Fremdsprachendidaktik, was meinen Neigungen sehr entgegenkommt.

    Eieieieiei, was für ein furchtbares Dasein. Da werde ich auch nicht wirklich das Monstervermögen anhäufen, da kann ich mir die Seele aus dem Leib übersetzen und werde trotzdem nicht genug verdienen. Verdammt, ich bin einfach nicht der richtige Mensch zum Geldanhäufen. Wenn erstmal welches reinkäme, hätte ich kein Problem mehr. (Wenn ich nur alles so gut könnte wie sparen.) Aber das ist es nicht, ich bekomme erst gar keins. Scheiße, wieso braucht man denn aber auch so verdammt viel Geld, um am Ende geldlos zu leben.

  • Thymian und der Ausblick aus dem Mikrokosmosfenster

    Mir kam vorhin der Gedanke, mich mit einem Ast frischen Thymians zu vergleichen. (Es wird niemanden überraschen, dass ich gerade dabeiwar, die Aprikosenmarinade für mein soeben gerettetes tiefgefrorenes Zanderfilet mit Kräutern zu versehen. Und ja - durch meine mittlerweile bis auf wenigste Ausnahmen durchweg konsequent auf Gerettetes umgestellte Ernährungsweise bin ich kurzerhand wieder zum Allesfresser geworden, wobei es mir immer noch nicht wirklich behagt, Fleisch zu essen. Allein der Gesundheit wegen. Aber so ein gerettetes Wiener Würstchen als Teil eines geretteten Hot Dogs oder ein Fischbrötchen, das Basti aus der Arbeit rettet, oder ein Zandernfilet vom Großhandel meines Vertrauens, meine Güte, das passiert halt mal.)

    Jedenfalls verhält es sich mit mir wie mit dem frischen Thymian auch. Ich bin grundsätzlich mindestens so leicht von etwas zu überzeugen, wie sich die Blättchen vom Stiel entfernen lassen, wenn du oben ansetzt und gegen den Strich ziehst. Natürlich sträube ich mich ein bisschen, wenn es um die Feinheiten geht - die kleinen Seitenäste fallen mit ab und müssen im Nachhinein einzeln entlaubt werden - aber wenn du es richtig anstellst, bin ich für jeden Schwachsinn, der mir nicht völlig wider die Natur geht, Feuer und Flamme. Du kannst es allerdings auch auf die falsche Weise versuchen - das thymianische Äquivalent hierzu wäre dann, den Stiel am unteren Ende anzupacken und nach oben hin zu ziehen. Keine Chance. Das ist meine Mutter, die mich an meinen Schwächen packt statt an meinen Fähigkeiten. Und das ist Ryk, der trotz aller Kompromissbereitschaft nicht aufhören kann, mir meine bislang sehr ausgeprägt monoamore Orientierung als etwas Rückständiges verkaufen zu wollen, das ich ablegen soll.

    Ich bin in vielen Dingen kein sehr reflektierter Mensch, und würde ich das nicht offen zugeben, könnte ich mir keine Sekunde lang mehr selbst in die Augen sehen. Mir ist mein Mikrokosmos wichtig, den ich mit Hingabe hege und pflege - so gründlich, dass mir manchmal zu wenig Zeit bleibt, um nebenbei aus dem Fenster zu schauen. Ich tue gleichzeitig allerdings mein Bestes, um meine natürliche Unreflektiertheit dadurch auszugleichen, mich in Konfliktsituationen nicht unbedacht auf einer Seite zu schlagen, sodass, wenn ich dann doch mal wieder mit neuem Gedankengut oder unbekannten Sachverhalten konfrontiert werde, mir halb der Kopf platzt vor Bemühungen, alle Perspektiven gleichzeitig zu sehen. Das macht es dann doch wieder so leicht, mich zu beeinflussen. Das macht andererseits mich selbst so empfindlich gegen Angriffe. Meine Gedanken stehen auf so wackeligen Füßen, dass ein Windhauch ausreicht, damit ich zur nächsten Mauer hechte, die Schutz bietet. Das muss keine schöne Mauer sein. Meistens ist es schon zu spät, sie genauer zu begutachten, wenn ich auf der Flucht bin. Und am Ende werfe ich mich volle Kanne gegen etwas, aus dem Nägel herausragen oder Glasscherben.

    But, then, everything's better than falling.

  • I'm a construction site with no body plan. I'll never be finished unless I'm shown directions.

    Genau das, was ich heute tue, hat irgendwann in ferner Vergangenheit einen Großteil meines Lebens ausgemacht: Nichts. Ich hänge mit Schlafzeug und schlechtem Gewissen im Bett, gammele, schaue mir Videos an, muss aufs Klo, bin zu faul zum Aufstehen und schreibe mit Kepa über selbstgebastelte Aufsitzrasenmäher, aka Schaf mit Stuhl drauf, eifersüchtige Kartoffeln, die auf meiner Terrasse wachsen, und Kunstwerke aus den inneren Strünken von Möhren. Nebenbei betreibe ich halbherzige, unorganisierte Recherche zur Pflanz- und Erntezeit verschiedener Gemüsesorten und verdränge konsequent die Existenz von Neurolinguistik in meinem Leben. Die sowie die akute Notwendigkeit, mich anlässlich der Klausur am Dienstag damit auseinanderzusetzen.

    Tage wie heute habe ich vermisst. Auch wenn ich permanent daran denke, was ich gerade alles tun sollte und könnte.

    Schrieb ich gestern um diese Zeit, bis Basti kam und wir unsere Projektfinanzen genauer unter die Lupe nahmen, ein wie erwartet deprimierendes Unterfangen. Dann rief mich Lena an, um unsere Verabredung fürs Wochenende zu konkretisieren, und nachdem sie nebenbei erwähnte, dass bei ihnen in der WG seit einer Woche der Spülen- und Spülmaschinenabfluss verstopft war, beschloss ich kurzerhand, dass mein Privathandwerker und von Ryk respektvoll mit Kleinstadt-MacGyver betitelter Allesreparierer das in die Hand nehmen sollte. Also fuhren wir im ekligen Regen zu Lena hoch, wo Basti in Zusammenarbeit mit den restlichen in der WG anwesenden Jungs das unmöglich Scheinende möglich machte und die Siedler-WG zurück in einen spülmaschinen- und spülerfüllten Zustand führte. Dann noch Containern und ab nach Hause, wo wir wie tot ins Bett fielen und ich heute Früh nichtmal mitbekam, wie sich der Arme um halb neun Uhr auf zur Arbeit machte.

    Geweckt wurde ich stattdessen um kurz vor zehn durch einen Anruf meiner Mutter. Nachricht des Tages: sie will sich von ihrem letzten Geld ein Rustico in Norditalien kaufen, 160.000m² Grundstück und ein vollständig renoviertes Häuschen mit Strom und Wasser und drei Zimmern auf drei Stockwerken. Niedliche 100m² Grundfläche, aber was will sie auch mit noch mehr Platz. Ein Bachlauf auf dem Grundstück. Fünf Kilometer zum See. Und dazu die ergreifende Zuneigungsbekundung, ich würde das Ding nichtmal bekommen, wenn sie stirbt, sofern ich nicht vorher gearbeitet habe.

    Hm. So war sie schon immer. "Wir haben uns alles, was wir haben, hart erarbeitet und du wirst das Gleiche tun." Wirklich, ohne Sarkasmus whatsoever, ich liebe diese Einstellung. (Die sie übrigens nicht davon abhält, mir weiterhin monatlich Unsummen an Geld zu überweisen; da kann ich ihr dreitausendmal sagen, dass sie es lassen soll, sie lässt sich einfach nicht überzeugen.) Nur dass es heute natürlich wieder in ein erhitztes Gespräch über Arbeit im Allgemeinen und meine Lage im Spezifischen ausartete, freut mich wenig. Wenn ich sie nur nicht so gut verstehen könnte. Ihre Herangehensweise löst trotzdem jedes Mal wieder reflexartige Widerstandsmechanismen bei mir aus, was traurig ist, weil ich so vermutlich noch mehr den Eindruck erwecke, uneinsichtig und weltfremd zu sein. Mal ganz davon abgesehen, dass dieser Eindruck sowieso nicht unbedingt der trügerischste ist, führt es einfach nur immer wieder zu abgebrochenen Telefonaten und ekelhafter Stimmung und Hilflosigkeitsgefühl auf beiden Seiten.

    Jetzt habe ich mit Trudi beschlossen, einen Versuch zu starten, natürliche Pflegeprodukte herzustellen und zu verkaufen. Damit ist selten jemand reich geworden, schätze ich, aber besser als nichts wäre es doch auch schonmal. Außerdem werde ich mich auf der Stelle umsehen, inwieweit es realistisch ist, dass Leute zu mir kommen und sich von mir helfen lassen, ihre Bewerbungen zu schreiben. Beziehungsweise wie man das erreichen könnte. Ich weiß genau, dass ich dafür geschaffen bin, Leute dabei zu unterstützen, ihre Anliegen jeglicher Art mit einer Präzision und angebrachten Wortwahl zu verbalisieren, wie sie es allein einfach nicht schaffen. Du sagst mir, was du sagen willst, und ich schreibe es für dich. Das tue ich seit Jahren für meine Freunde und Familie. Es muss einen Grund geben, warum man mit so etwas zu mir kommt. Es bereitet mir die größte nur denkbare Freude, jemandem zu ermöglichen, sich auszudrücken. Sie sind so rührend begeistert jedes Mal. Das tut mir gut; ich bin so süchtig nach Bestätigung. Das ist Arbeit, die ich gerne verrichte.

    Ferner bin ich dafür gemacht, Texte Korrektur zu lesen. Ohne mich in irgendeiner Weise über den grünen Klee loben zu wollen, aber mein orthographisches und grammatikalisches Verständnis ist irgendwie doch ziemlich stark ausgeprägt. Mein eigener Freund nennt mich einen Sprachnazi (was verständlich ist, weil er wiederum selbst so sprachnazihaft durch die Welt zockelt, dass ich mich ihm gegenüber wenig bis gar nicht zurückhalte und mein Sprachnazitum praktisch in Gänze ausleben kann, ein seltenes Privileg in dieser gleichgültigen, unverständigen Welt). Fehlerhafte Texte machen mich fertig, ich kann es nicht anders sagen. Am liebsten würde ich sie alle korrigieren, alle wie sie da sind, sogar unentgeltlich, aber ich glaube, das wäre bezüglich meiner eigentlichen Lebensplanung gerade kontraproduktiv. Ebenso, wie ich am liebsten der ganzen Welt umsonst Sprachen beibringen und Nachhilfe geben würde, mich aber andererseits schrecklich aufrege, wie die Eltern meiner beiden Schüler mich bezahlungstechnisch ausbeuten. Wo ist der Mensch, der gerne von einer hochqualifizierten Person etwas lernen möchte und bereit ist, im Gegenzug dazu beizutragen, dass sie ihren Lebenszweck erfüllen kann? Wer kauft mir meine eingekochten Semmelknödel aus geretteten Zutaten in geretteten Einmachgläsern ab?

    So viel zu meiner Berufung. Fragt sich, wie um alles in der Welt ich in irgendeinem der genannten Bereiche an Aufträge Schrägstrich Abnehmer komme. Werbung machen ist ja mal so gar nicht mein Ding. Und meine Qualifikationen, so real sie auch sein mögen, stehen nunmal auf keinem Papier geschrieben. Ist halt kein Stempel drauf, das will doch keiner. Dass es hierzulande wenig geschätzt wird, was man vom Leben gelernt hat, ist nicht unbedingt die neueste Neuigkeit. Aber alles Andere widerstrebt mir so über alle Maßen. Ich fühle mich schon wieder gefangen. Gleichzeitig bin ich kaum je motiviert genug, einfach mal Bemühungen anzustellen, es auf meine Art und Weise zu versuchen. "Das wird doch eh nichts" ist der Anfang und das Ende meiner Träume gleichermaßen. Das muss ich in den Griff kriegen, sonst blüht mir eine düstere Zukunft.

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Hier übrigens mein anderer Blog, "Save the lettuce" - für Verwendung und gegen Verschwendung: http://aspestie.blog.de/

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